Apr 122011
 

Auch im Wiener Volksstück wurden, beeinflusst durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, immer wieder Weltuntergangsszenarien beschrieben.

In der Zeit zwischen Wiener Kongress und Revolution (1815 – 1848)  war Wien Schauplatz großer gesellschaftlicher Veränderungen.  Durch die Unterdrückung des politischen und geistigen Klimas durch Zensur kam es zu einer Entpolitisierung und einem Rückzug ins Private,  Teuerung und Arbeitslosigkeit nahmen zu und es kam zur Bildung einer Finanzaristokratie im Gegensatz zu Kleinbürgertum und Proletariat. Diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen führten auch zu einer Neuentwicklung des Wiener Volkstheaters. Durch dramaturgische Mittel getarnt, wurde auf aktuelle politische und kulturelle Missstände aufmerksam gemacht.

Johann Nestroy als Schuster KnierimJohann Nestroy

Der österreichische Volksschauspieler und Possendichter Johann Nestroy (*1801 Wien, †1862 Graz) beschäftigte sich in seiner Posse Der böse Geist Lumpazivagabundus (1833 uraufgeführt) mit dem Verfall und der Torheit der Menschheit. Im darin vorkommenden Kometenlied singt der Knieriem vom drohenden Weltuntergang durch einen auf die Erde stürzenden Himmelskörper: „Es is kein’ Ordnung mehr jetzt in die Stern’, d’ Kometen müßten sonst verboten wer’n./Ein Komet reist ohne Unterlaß um am Firmament und hat kein’ Paß.“ Nestroy stellte die religiöse Sicht dieses Szenarios in den Hintergrund und ging auf den naturwissenschaftlichen Blickwinkel ein.

Als er das Lied schrieb, hatten die Menschen tatsächlich Angst vor einem möglichen Weltuntergang: „Da wird einem halt angst und bang, die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang./Aber lass’n ma das, herunt’ geht’s z’ bunt, Herunt’ schon sieht man’s klar, die Welt geht z’grund.“

Das Ende der Welt sollte durch den Bielaschen Kometen ausgelöst werden. 1826 entdeckte der deutsch-österreichische Astronom und Offizier Wilhelm Biela den auf die Erde zurasenden Kometen. Astronomen nehmen an, dass dieser Komet Nestroy dazu veranlasste, die aufkommende Panik in seinen Werken zu verarbeiten.

Und auch später  in der Zwischenkriegszeit befassten sich österreichische Schriftsteller in ihren Werken mit verschiedenen Weltuntergangsszenarien.

Karl Kraus und Jura Soyfer

Für den Publizist, Lyriker und Dramatiker Karl Kraus (*1874 Jičín/Tschechien, †1936 Wien) droht der Untergang durch den Verfall der Gesellschaft. 1922 erschien sein 800 Seiten umfassendes Drama Die letzten Tage der Menschheit. Darin thematisiert Kraus die bürgerliche Gesellschaft in Wien sowie die Rolle der Presse in einer prinziplosen Welt des Scheins. Seiner Ansicht nach sind dem Menschen die wichtigsten menschlichen Eigenschaften wie Herz, Seele und der Respekt vor der Natur verloren gegangen. Das Motiv der Apokalypse ist für Kraus ein Symbol für den Untergang des Geistes.

Der österreichische Schriftsteller und Satiriker Jura Soyfer (*1912 Charkow/Ukraine, †1939 KZ Buchenwald/Deutschland) dagegen greift in den 1930er Jahren das Szenario des Weltuntergangs durch einen Kometen wieder auf. In seinem ersten, 1936 uraufgeführten Werk Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang (mit dem Titel nimmt er Bezug auf Nestroys Kometenlied) beschließen Sonne und Planeten, dass das Gleichgewicht des Kosmos durch das Treiben auf der Erde gestört ist. Deshalb soll der Komet Konrad die Erde zerstören. Die Menschheit erfährt vom nahenden Unheil, lebt aber beinahe unbekümmert im alten Trott weiter. Auch die Erfindung Professor Glucks, die das Unheil abwenden könnte, wird von den politischen Führern abgelehnt.

Soyfer, der die drohende Gefahr des Faschismus bereits früh erkannte, versuchte wohl in seinem Stück die Ignoranz und Aphatie der Bevölkerung zu kritisieren. Parallelen zwischen der Gleichgültigkeit, Verdrängung, Egoismus und Dummheit der Massen im Angesicht des nahenden Unheils im Stück und in der damaligen Realität sind durchaus augenfällig.

, Iris Michael, Daniela Seeber

 

Bild: gemeinfrei

Quellen:

Hein, Jürgen: Das Wiener Volkstheater: Raimund und Nestroy. 2., aktualisierte und bibliographisch ergänzte Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991.

Kaiser, Konstantin: Jura Soyfer: Spiel mit der Zeit

Mautner, Franz H.: Nestroy. Heidelberg: Lothar Stiehm Verlag GmbH, 1974.

Weber, Anke: Das Motiv der Apokalypse in der österreichischen Literatur um 1918. Eine vergleichende Analyse der Lyrik von Karl Kraus und den Expressionisten. Diplomarbeit. Universität Wien, 1991.

  One Response to “Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang – Der Weltuntergang im Wiener Volksstück”

  1. Thanks for the sources to Johann Nestroy, a person, discovered more by coincidence.
    Tanja Busse, too, has dedicated much valuable thoughts towards the apocalypse.

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