Jun 282011
 

10.03.11         Japan-Beben März 2011
11.09.01        Terroranschläge 9/11
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21.12.12        WELTUNTERGANG?!!?!!

 

Tsunami-Folgen in Ofunato, Japan. 15. März 2011

Die große Erdbebenkatastrophe und die darauf folgende Tsunami, die im März 2011 Ostküste Japans verwüstete und eine Atom-Krise verursachte, hat die ganze Welt erschrocken. Die destruktiven Kräfte der Natur in Verbindung mit den Spekulationen und Schreckvisionen der Konspirationstheoretiker haben jedoch auch unsere Ängste vor der  globalen Katastrophe, gar einem Weltuntergang erweckt und bekräftigt.

Was halten aber die Japaner selbst davon? Ist die Katastrophe für die Betroffenen ein Grund für die Untergangspanik? Zu diesem Thema haben wir unter anderem Edgar Honetschläger – einen österreichischen Künstler und Filmemacher und gleichzeitig Experte für die japanische Kultur  –  um seine Ansicht  gebeten.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Katastrophe von den Apokalypse-Enthusiasten sofort in Verbindung mit dem Ende des Maya-Kalenders gebracht wurde, ähnliches ist schon nach dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien Ende 2004 passiert. In mehreren religiösen Schriften (z.B. in Christentum, Islam) gelten die großen Naturkatastrophen als Anzeichen der nahen Apokalypse, den selbsternannten Propheten spielen diese Ereignisse also natürlich in die Karten. Obwohl aber zahlreiche Weltuntergangstheoretiker wie vielleicht auch ein beträchtlicher Teil der sensationslustigen Weltöffentlichkeit gerne einen Zusammenhang zwischen dem Japan-Beben und dem „kommenden Ende“ sehen würden, bleibt eine Nation von diesem Gedanken anscheinend unberührt – paradox die Japaner selbst.

 

Keine ausgeprägte Apokalypse-Tradition in Japan

Die auf den ersten Blick erstaunliche Immunität gegen den weltweiten Hype selbst in diesen schwierigsten Zeiten ergibt sich am ehestens aus der japanischen Kultur, in der es im Unterschied zu vielen anderen Gesellschaften keine religiös verankerte apokalyptische Tradition gibt. Japan gilt als eines der säkularsten Länder der Welt, die Religion gehört hier überwiegend dem Privatbereich an und spielt im gesellschaftlichem Leben keine signifikante Rolle. Für das religiöse Leben der Japaner ist außerdem schon seit Jahrhunderten eine Vermischung und Vereinigung von unterschiedlichen und ursprünglich nicht zusammengehörenden Vorstellungen, Praktiken und Traditionen typisch. Dieser Synkretismus zeigt sich am deutlichsten darin, dass sich die meisten Japaner sowohl als Schintoisten als auch als Buddhisten betrachten.

Die traditionelle japanische Kultur ist schintoistisch geprägt und betont die Gegenwart, beobachtet und schätzt die Welt wie sie ist. Altjapanische Mythen enthalten daher im Unterschied zu vielen anderen Kulturen keine apokalyptischen Überlegungen oder Weltende-Szenarien. Im Mittelpunkt von Shintō steht, allgemein gesagt, das, was Bezug zur diesseitigen Welt, dem Leben, der Natur hat. Erst mit der Verbreitung des Buddhismus in Japan im 5. Jahrhundert n. Chr. kam der Frage nach dem Jenseits größere Bedeutung zu, allerdings leistet die buddhistische Weltanschauung zum Thema Weltuntergang ebenso keine „klassischen“ apokalyptischen Szenarien.

 

“Erdbeben sind täglich Brot”

Um die japanische Mentalität besser zu verstehen, haben wir Edgar Honetschläger um Interview gebeten. Der österreichische Künstler, Filmemacher und Gründer des EDOKO Instituts in Wien hat nämlich schon seit 20 Jahren in Tokyo sein Zuhause.

Edgar Honetschläger

E.H.: Japan war schon immer den Launen der Natur mehr ausgesetzt, als viele andere Teile der Welt. Erdbeben sind täglich Brot, Vulkanausbrüche und Tsunamis kehren regelmäßig wieder. Einer ‘total’ Zerstörung Tokyos blickt man pragmatisch ins Auge. Man weiss, dass die Stadt alle 70-100 Jahre zerstört wird.

Welche Einstellung haben Japaner generell zu Weltuntergangstheorien? Ist Weltuntergang überhaupt ein Thema in Japan? Wird im japanischen Raum dem Ende des Maya-Kalenders in 2012 Bedeutung zugeschrieben oder wird es gar nicht diskutiert?

E.H.: Ich habe in den nun 20 Jahren, die ich in Japan lebe kaum jemanden dieses Konzept diskutieren hören. Vor allem nicht in der Form in der es im Westen gehandhabt wird. Ich weiss nichts über den Maya Kalender und kenne niemanden vor Ort der sich damit beschäftigt.

Wurde ein möglicher Weltuntergang im Zusammenhang mit dem letzten Beben im japanischen Raum diskutiert und vielleicht als Anzeichen der nahen Apokalypse identifiziert?

E.H.: Nein, das Gros der in Japan lebenden Menschen hat keinen Hang zur Esoterik.

Auch der Großteil der Professoren des japanologischen Instituts der Universität Wien sind sich einstimmig, dass man sich in Japan kaum mit dem Thema Weltuntergang auseinandersetzt. Grund dafür seien die sehr oft auftretenden Umweltkatastrophen. In Japan hat man sich damit abgefunden, dass solche Ereignisse geschehen, diese aber nicht den Weltuntergang vorhersagen oder gar einleiten.

 

Post-WW2 Schock und die moderne Kultur Japans

Mehr Raum wurde dem Thema Weltende in der jüngeren Geschichte Japans eingeräumt. Den entscheidenden Einfluss darauf hatte der für Japaner wortwörtlich apokalyptische Schluss des zweiten Weltkrieges – die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Infolge des erlebten Traumas ist der nukleare “Weltuntergang” für die Japaner sehr real geworden. Die traditionellen Werte sind angesichts des harten Schlags ins Wanken geraten. Was folgte, war eine lange Periode der Suche nach eigener Identität, Sinn und Vereinbarung zwischen den alten Idealen und Herausförderungen der Realität, die sich in der modernen japanischen Kultur niedergeschlagen hat. Ein Mittel zur „Wiederselbstfindung“ der Japaner war natürlich auch die Kunst, die post-apokalyptische Thematik ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem in der Populärkultur, etwa in Manga und Anime sehr gut sichtbar.

In der japanischen Literatur setzen sich aber nur wenige Werke mit dem Thema Apokalypse direkt auseinander. Eines davon ist „ Nihon chinbotsu “ (im deutschen: „Japan sinkt. Vom Untergang des japanischen Archipels“) von Komatsu Sakyô (1973). Im Buch beschreibt der Autor ein Szenario in dem sich die philippinsche Platte über die eurasische schiebt. Japan befindet sich zwischen diesen Platten und wird dabei fast völlig zerstört und ein Großteil der japanischen Inseln gehen unter. Dieses Buch wurde mehrere male verfilmt und 2006 erschien eine Parodie: „Nihonigai zenbu chinbotsu” (im deutschen: “Alles sinkt außer Japan”). Außerdem gibt es einen Roman „Die vierte Zwischenzeit“ und mehrere surrealistische Kurzgeschichten des bekannten japanischen Autors Abe Kôbô. In diesen Geschichten handelt es sich meist um Untergangsszenarien in denen die Welt gefriert oder ähnliches.

Solche Werke sind stellen jedoch eher Ausnahmen dar. Ina Hein, Professorin für Japanologie und Spezialistin für moderne japanische Literatur der Universität Wien behauptet selbst, dass es kein zur Bibel oder amerikanischen Filmproduktionen (Alieninvasion, Meteoritenaufprall)  ähnliches „Genre“ von Weltuntergangsliteratur oder auch Weltuntergangsfilmen in Japan gibt.

Edgar Honetschläger zur Apokalypse in der japanischen Pop-Kultur:

In ihrem letzten Film AUN sprechen Sie auch das Thema der Apokalypse an. Haben Sie sich dabei auch von der japanischen Kultur inspirieren lassen?

E.H.: Von Japan ja, aber nicht in Bezug auf die Apokalypse. Einer der Charaktere im AUN sagt: “alles was der Mensch kreiert ist Natur. Zu glauben der Mensch könnte die Erde zerstören ist eine Hybris. Selbst wenn es uns gelänge die Erde zu zerstören, welch winziger Punkt sie im Universum gewesen sein wird.”

Wie nehmen Sie die apokalyptische Thematik in der modernen japanischen Kultur, bzw. Pop-Kultur wahr?

E.H.: Es steht fast immer in direktem Zusammenhang mit den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki. Der Verlust des 2. Weltkrieges, die Atombomben, die bis heute währende Okkupation werden als Weltuntergang empfunden.

Und wie fühlen sich die Japaner nach der letzten Katastrophe – Erdbeben vom März 2011?

E.H.: ‘Die Japaner’ ist eine ungültige Generalisierung. Das Spektrum ist weit: Betroffenheit, Trauer, Gleichmut, Ignoranz, aufbegehren und mehr – alles ist zu finden.

Zusammenfassend läßt sich also sagen, dass in Japaner trotz – oder gerade wegen – vieler einschneidender Ereignisse, die teilweise sogar ganze Städte zerstörten eine lebensbejahende Mentalität herrscht die kaum Platz für Weltuntergangstheorien und Spekulationen lässt. Nur selten findet man in der japanischen Gesellschaft bzw. in der Kultur Weltuntergangsszenarien. Hauptsächlich setzt man sich damit in der Pop-Kultur, in Mangas und Animes auseinander. In anderen Bereichen wie Film und Kunst ist dies eher eine Rarität und das buddhistisch-schintoistische religiöse Gemisch Japans räumt diesem Thema so gut wie keinen Raum ein.

 

Katarina Mintalova, Matus Volny, Michael Waß

 

Bilder: gemeinfrei

 

QUELLEN:

Tanaka, Motoko (2011): Apocalypticism in Postwar Japanese Fiction.

Littleton, C. Scott (2005): Religionen verstehen. Shintoismus. Köln: Fleurus Verlag.

Hall, John R. et al. (2000): Apocalypse Observed. Religious Movements and Violence in North America, Europe, and Japan. New York: Routledge

Eschatology.org: The Japanese Earthquake is Not a Sign of the End.

Professoren des japanologischen Instituts der Universität Wien

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